Festrede von Olaf Bär

25 Jahre Deutsche Schubert-Gesellschaft

Festkonzert 7.11.2014 im Stadttheater Duisburg

 

 

13. Juny 1816.

Ein heller, lichter, schöner Tag wird dieser durch mein ganzes Leben bleiben.

Wie von ferne hallen mir noch die Zaubertöne von Mozarts Musik. ... So bleiben uns diese schönen Abdrücke in der Seele, welche keine Zeit, keine Umstände verwischen, und wohltätig auf unser Dasein wirken. Sie zeigen uns in den Finsternissen dieses Lebens eine lichte, helle, schöne Ferne, worauf wir mit Zuversicht hoff­en. O Mozart, unsterblicher Mozart, wie viele, o wie unendlich viele solche wohltätige Abdrücke eines lichtern bessern Lebens hast du in unsere Seelen geprägt.

 

 

„Das Zitat mit den Zaubertönen muss hinein“ – diesem Wunsch von Frau Dr.Schumann bin ich gern und nur zu bereitwillig nachgekommen.

Dieses Zitat scheint mir nicht nur ein Hinweis auf die Kraft und Schönheit der Musik Mozarts, sondern gleichermaßen ein Fingerzeig auf das Wesen Schuberts und seines Kompositionsstiles zu sein. Auch Schubert war im Leben und in seinen Kompositionen ständig auf der Suche nach einem lichtern bessern Leben. Und diese seine Suche hinterlässt, wie durch Mozart bei ihm und bis zum heutigen Tage bei uns, Abdrücke, oder wie ich es nennen möchte, Spuren. 

 

 

Auch bei mir hinterließ schon eine meiner ersten intensiven Begegnungen mit dem Werk Franz Schuberts tiefe Spuren. Diese Begegnung fand unter für mich persönlich eher unangenehmen Umständen statt. In der DDR kam man um die Wehrpflicht bei der sogenannten Nationalen Volksarmee nicht herum. Ich wurde also nach meinem Abitur mit 18 Jahren in Leipzig in ein Artillerieregiment einberufen. Schon damals stand für mich fest, dass ich in Dresden Gesang studieren wollte und natürlich suchte ich nach Möglichkeiten, auch in meiner Armeezeit als Sänger irgendwie aktiv zu sein. Die damalige „Singebewegung“ der DDR machte auch vor der Armee nicht halt. Ich fand jemanden, der einigermaßen Gitarre spielen konnte und plagte mich mit dem Absingen von Agitpropsongs. Der einzige und auch intensiv genutzte Vorteil dieser Art Musizierens war, dass man zum Teil von anderen sehr unangenehmen Diensten zumindest teilweise frei gestellt wurde.

Eine weitere von mir genutzte Möglichkeit war, in einer Band bei Offiziersbällen irgendwelche Schlager zu singen – der Hit „Tränen lügen nicht“ ist mir noch in Erinnerung. Was hat dies alles mit Schubert zu tun? Für mich etwas ganz Entscheidendes: durch die Arbeit im „Singeclub“ und mit der kleinen Band lernte ich im Keller der Kaserne einen notdürftig eingerichteten Probenraum kennen, in welchem ein altes verstimmtes Klavier stand. Nach einigen Wochen hatte sich dann ein Kontakt zu einem Musiklehrer ergeben, der als Reservist seinen Dienst absolvieren musste. Mit ihm nutzte ich dann jede freie Minute, um im Keller abzutauchen und gemeinsam machten wir uns daran, Schuberts „Winterreise“ zu studieren. Obwohl er kein grandioser Pianist war und obwohl meine stimmtechnischen Möglichkeiten noch recht eingeschränkt waren, war diese Begegnung mit Schuberts Meisterwerk in vielerlei Hinsicht prägend für mich. Unter den eher deprimierenden Umständen des Wehrdienstes war die Arbeit mit Schuberts Musik Trost und Aufschrei gleichermaßen. Sehr oft habe ich in meiner späteren Sängerkarriere die „Winterreise“ singen dürfen und ich denke noch heute, dass diese erste Begegnung mit diesem Werk unter den besonderen Umständen auch besondere Spuren für meine spätere Interpretation hinterlassen hat. Hier fühlte ich möglicherweise zum ersten Mal den Sog, der von Schuberts Musik ausgehen kann. Man fühlte sich an die Hand genommen in seinem Seelenzustand – Schubert hat uns geholfen: „es bleiben die schönen Abdrücke in der Seele, welche keine Zeit, keine Umstände verwischen.“- Zaubertöne eben…

 

 

Jedes meiner Lieder ist ein Kassiber, eine geheime Botschaft für die Ausgesetzten, die Ausgestoßenen, die Verletzten“.

Suchen Sie bitte nicht in den überlieferten Schriften von Schubert oder seinen Freunden. Diese Worte sind Franz Schubert von dem Regisseur und Dichter Hans Neuenfels in seinem Theaterstück „Schumann, Schubert und der Schnee“, einer Oper für Klavier wie er es nennt, in den Mund gelegt. Dieser erwähnte Gedanke von den Kassibern scheint mir in vielerlei Hinsicht treffend.

Ein Kassiber ist eine verschlüsselte Botschaft, eine Botschaft, die zwischen Gefangenen ausgetauscht wird, bzw. eine Botschaft die von Gefangenen an die Außenwelt, die vermeintlich freie Welt übersandt wird.

Schubert war ein Außenstehender, ein isolierter Mensch, trotz seines großen Freundeskreises. Schubert war auch ein Gefangener, wage ich zu behaupten – ein Gefangener in sich selbst, ein Gefangener in seiner Zeit, ein Gefangener der unerfüllten Sehnsüchte, der unerfüllten Liebe und ein Gefangener in seinem eigenen Schaffen.

Aber er hat Abdrücke, Spuren oder eben Kassiber hinterlassen. Vielleicht auch Zaubertöne: „Sie zeigen uns in den Finsternissen dieses Lebens eine lichte, helle, schöne Ferne, worauf wir mit Zuversicht hoff­en.

Es ist an uns, seine Botschaften, seine Kassiber, seine Sprache zu entschlüsseln. Auch in meiner jetzigen Tätigkeit als Professor für Liedgestaltung sind an meiner Wirkungsstätte, der Dresdner Hochschule für Musik, junge Menschen auf der Suche nach Abdrücken, nach Spuren – sie dabei an der Hand zu nehmen ist eine vornehme und erfüllende Aufgabe. Und dabei einen Wegführer wie Franz Schubert zu haben ist besonders hilfreich. Und ich versuche den Studierenden zu vermitteln, dass man ihm und seiner Musik, seinen Melodien bei der Spurensuche absolut vertrauen kann.

In seinem Buch „Franz Schubert oder die Melodie“ schreibt Hans Gal, bei Schuberts Melodien gäbe es drei Besonderheiten: „die entspannte Weite des Periodisierens, die Mannigfaltigkeit der rhythmischen Impulse und die Unerschöpflichkeit neuer Erscheinungen bei jeder Biegung des Weges.“ – Zaubertöne eben…

 

 

Die Deutsche Schubert Gesellschaft feiert ihr 25jähriges Bestehen.

In der Satzung dieser Gesellschaft ist der Hauptzweck mit der Förderung von Wissenschaft und Forschung benannt.

Dieser sogenannte Hauptzweck Wissenschaft und Forschung ist natürlich substantiell mit der schon mehrfach erwähnten Spurensuche verbunden. Darüber hinaus aber möchte ich heute vor allem die Förderung des künstlerischen Nachwuchses als Besonderheit der Arbeit der Deutschen Schubert Gesellschaft hervorheben. Hier ist eine Institution, die es neben ihrer Hauptbestimmung als Auftrag ansieht, jungen Künstlern die Hand zu reichen, Ihnen in Form von Wettbewerben, hochdotierten Meisterkursen und Workshops und öffentlichen Auftritten eine Plattform zu bieten. Dabei stehen natürlich die Werke Franz Schuberts im Mittelpunkt. Wie zum Beispiel übermorgen am Sonntag, wenn die beiden Schubert-Preisträger des Moerser Musiksommers 2013 Anna Jihye Sohn und Felix Rumpf gemeinsam mit dem Pianisten Tobias Krampen ihr Preisträgerkonzert, eine Liedermatinee im Kammermusiksaal des Martinstiftes in Moers geben.

Erwähnt werden sollen aber auch schulergänzende Lehr- und Unterrichtsprogramme, Nachwuchsförderung mit Stipendien, aber auch die Präsentation von aktuellen Bänden der „Neuen Schubert Ausgabe Tübingen“ in Hochschulen und bei Meisterkursen. Dies alles geschieht in ehrenamtlicher Arbeit, ohne kontinuierliche Mittelzufuhr außer den Mitgliederbeiträgen und ohne festen Mitarbeiterstab seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren alles unter der Leitung der Sängerin und Musikwissenschaftlerin Dr. Christiane Schumann. Dass unter diesen Umständen der Begriff Spurensuche eine durchaus pekuniäre Komponente erhält soll nicht verschwiegen werden.

 

 

Für diese geleistete Arbeit sei heute auf das herzlichste gedankt: sie war in der Vergangenheit wichtig, sie wird hoffentlich noch lange in der Zukunft möglich sein und sie ist am heutigen Tage von tragender Bedeutung, damit wir uns nun im Verlauf des Konzertes von Mozart und Schubert an der Hand nehmen lassen können, um auf Spurensuche nach den Zaubertönen zu gehen.